Guido Sotriffer

KÜNSTLER SEIN IN GRÖDEN - EIN EINFÜHLUNGSVERSUCH
Kristian Sotriffer (de Plajes), Wien

Da ist erstens die Landschaft inmitten von Über- und Abgängen, umsäumt vom Architektonischen, Skulpturalen der Felsgebirge. Da sind zweitens jene, die in ihr mit zwei Gesichtern leben: das eine nach innen, das andere nach außen gerichtet; dies alles verbunden mit diversen Aufspaltungen und Differenzierungen zwischen Geschichte und Gegenwart, Tradition und Modernität. Die Bauernhöfe weichen Beherbergungsstätten, die Werkstätten der Handwerker mutieren zu Künstlerateliers mit bezeichnenden Vermischungen des einen ins andere.

In den Werkstätten arbeiten noch immer jene, denen der Umgang mit ihrem Material, dem duftenden Holz, seit alters her im Blut liegt. Wem die Auftragsarbeit nicht ausreicht, wer seinem handwerklichen Vermögen eine andere Richtung geben, sich künstlerisch autonom entwickeln möchte, sieht sich dennoch eingebunden in Bereiche, aus denen er sich loszulösen versucht. Die Mentalität des Zeichners, des Malers, des Bildhauers, der sich im Talbauch eingebettet findet, ist eine andere als in weniger belasteten, von Vorbedingungen freieren Regionen. Eigen-Sinn und Selbst-Gewissheit in einer Art Reservat speisen sich jedoch aus wirkenden Substanzen, die dem, der aus normierten Vorgängen auszubrechen sucht, einen entsprechenden Rückhalt verschaffen. Wer an sich selbst andere Ansprüche stellt, sucht nach Bestätigungen im vergleichenden Beobachten, die aber auch Zweifel aufkommen lassen können.

Der Wunsch, sich zu öffnen, Ballast abzuwerfen, Ausblicke zu erlangen, führt dann zu vorsichtigen Aufnahmen und Adaptionen dessen, was sich anderswo entfaltet hat. Vor allem die Auseinandersetzung mit dem Figürlichen folgt einem Empfinden für das Gewachsene, Organische und dessen mehr oder weniger Entschlacktem, abstrahiert Formulierten. Die "Klassiker" des Jahrhunderts werden zu Lehrmeistern: Alberto Giacometti etwa, oder Henry Moore; die geschmeidigeren Italiener (von der Art eines Giacomo Manzù oder Marino Marini). Eine reduzierende, verknappende Vorgangsweise im Ausfiltern von Urformen zwischen Hans Arp und Constantin Brancusi hinterläßt Spuren.

Zwischen dem Vorbildhaften inmitten des Tradierten im eigenen Lebensbereich und den Anstößen von außen muss sich der in relativer Abgeschlossenheit und Genügsamkeit wirkende Künstler um das Eigene bemühen. Ehe es sich auszukristallisieren beginnt, werden meist mehrere, häufig parallel zueinander verlaufende Wege begangen. Dem abtastenden, abwägenden Suchen stehen orthodoxe handwerkliche Fähigkeiten mitunter eher im Weg als dass sie dazu beitragen, zu einem dem eigenen Wesen entsprechenden Kern vorzudringen. Wem die Arbeit gut von der Hand geht, wer Geschicklichkeit auszuspielen versteht, läuft ja auch Gefahr, sich mit dem Gelungenen im äußeren Vortrag zu bescheiden und einen Verlust an innerer Glaubwürdigkeit in Kauf zu nehmen.

Welche Resultate ein Sichausrichten gegenüber dem Selbst und dem Werk anderer zur Folge hat, wo und wie dem eigenen Ingenium zum Durchbruch verholfen werden kann, läßt sich am Werk von Guido Sotriffer (de Pedetliva) ablesen. Alles zuvor Angedeutete hat den Zweck, vor allem Außenstehenden begreiflich zu machen, wovon bestimmt wird, was in der vorgenommenen Auswahl wahrgenommen werden kann. Wechselnde Ansätze der erwähnten Art formieren sich zu jenen kompakten Gebilden, die einem individuellen Wollen und Sichvermitteln folgen. Dabei muss nichts eigens neu erfunden werden, weil aus einem Fundus ohne Zwang zum auffallend "Originellen" geschöpft werden kann. Dualistische Prinzipien zwischen dem organisch Körperhaften und dem geschichtet Abstrahierten bilden dabei fließende Übergänge. Weiches und Hartes, Moduliertes und Konstruiertes treffen aufeinander. Empfundenes und Erdachtes, Erlebtes und Gemachtes finden ihre Entsprechung auch im Umgang mit den Werkstoffen, der Wachsform etwa, aus der das Bronzestück gewonnen wird.

Die vorangegangenen Mühen, wie sie sich in zahlreichen Studien und Modellen im Suchen nach Extrakten manifestieren, haben bei Guido Sotriffer indessen keine bloß routinemäßig entwickelten Resultate zur Folge. Das Gelungene erfährt eher selten eine Wiederholung oder bloße Abwandlung. Wo er Gefahr liefe, bloß eine Geste zu setzen, beschränkt sich der das plastische gegenüber dem skulpturalen Vorgehen bevorzugende Schöpfer fein nuancierter Gebilde auf das ihm Mögliche, möglich Erscheinende im Dirigieren jener Impulse, die er mittels seiner Hände an den Werkstoff weiterleitet.

Ähnlich verfährt der Maler Guido Sotriffer. Mehr als in das womöglich elegante Ergebnis investiert er seine Kräfte in das von Kämpfen zeugende Zwischenspiel im mitunter rohen Aufreißen und Überdecken, Durchkreuzen, Durchschichten. Der Künstler bezieht vielfältige Positionen, um den spontanen, direkten Malakt so weit voranzutreiben, dass aus einer Wirrnis von Farbbahnen und -flecken, Läufen und Gegenläufen das Gestalthafte herauswächst. Der Malakt zeigt sich verbunden mit einer sehr persönlichen Hinwendung gegenüber dem Wesenhaften der aus dem Malgrund oft schemenhaft und oszillierend hervortretenden Erscheinungen und Phantasmagorien.

Guido Sotriffer war sich der ihm auferlegten oder selbstgewählten Bedingungen wohl bewusst. Doch wie wenige unter seinesgleichen hat er sich - in seinem Lebensbereich immer im Wettbewerb mit kunstgewerblicher Handelsware liegend - nichts in den Schoß fallen lassen wollen und im Zweifelsfall den Versuch, das Experiment gegenüber dem Gefälligen vorgezogen. Dennoch war es ihm gewiss auch um Harmonie, Zusammenklang, den Kontakt mit dem klassischen Erbe, um das Bewahren und Einbinden auf einer Wegstrecke zu tun, die zu beenden ihm leider nicht ermöglicht werden sollte. Was Guido Sotriffer hinterlassen hat, muss innerhalb jenes Rahmens gesehen und bewertet werden, der ihm vorgegeben war, den er aber auch nicht hatte verlassen wollen: Gebunden an "seinen" Boden, von ihm abhängig, ihm abgewinnend, was unter den gegebenen Umständen möglich war.