Guido Sotriffer

GUIDO SOTRIFFER: EIN PORTRÄT
Inga Hosp, Ritten

In seinem Atelier an der Rückseite des Wohn- und Geschäftshauses in St. Ulrich ist Guido Sotriffers Präsenz noch so stark, als sei er nur rasch einmal hinausgegangen und werde gleich zurück sein und weiterarbeiten. Die Pinsel liegen noch da, alle Malutensilien, das angefangene Bild auf der Staffelei: eine Doppelfigur, deren rechter Arm eine Einschränkung der Beweglichkeit verrät, wie der Künstler selbst sie zuletzt hatte, obwohl er schon daran gewöhnt war und die leichte Behinderung gut kompensiert zu haben schien. Der alte Fleiß war zurückgekehrt nach der Genesung von einem Infarkt.

"Zeichnen muß man kiloweis!" Das alte Motto traf wieder zu, die täglichen Etüden mit Feder und Bleistift waren wieder aufgenommen worden. Im Atelier stapelten sich die Bilder eines Bildhauers, der sich seit den späten achtziger Jahren immer stärker zur Malerei hingezogen fühlte. Über Entwurfs- und Reiseskizzen zu umfangreichen autonomen Figuren- und Porträtzyklen: Tusche, Aquarell, Gouache, Öl auf Papier, Holz, Leinen. Die menschliche Figur mit malerischen Mitteln in die Abstraktion treiben - das interessierte den Bildhauer nun inständig. Er wußte, er wäre jetzt auf gutem Weg. Am 5. November 1998 hat Guido Sotriffer für immer innehalten müssen.

Christl Sotriffer macht Feuer in dem schönen Atelierofen. "Ich bin gern da, wo er ist", sagt sie und stellt Kleinplastiken von da nach dort, zieht Schubladen auf, blättert durch Mappen. Vierzig Ehejahre lang hat sie für Ordnung und Freiraum gesorgt, damit in seinem Leben nicht das elterliche Geschäft die künstlerische Berufung ersticken würde. Sie hat sich nach dem frühen Tod des Schwiegervaters ums Geschäft gekümmert, um die Kinder, um die mit vorgefundenen Familienschätzen begründete und stetig ausgeweitete Spielzeugsammlung. Aber sie nahm immer auch Anteil an der künstlerischen Entwicklung ihres Mannes, begleitete ihn auf vielen Reisen, auf denen er Inspiration fand, und immer wieder auch nach Venedig, dem Ort seines "Tizian-Erlebnisses".

Freilich hatte der Vater des Künstlers, der als Kaufmann und Verleger der heimischen Grödner Spielzeugproduktion eine lange Familientradition zu wahren bestrebt war, eine Ausbildung des Sohnes an der Akademie, trotz der dringenden Empfehlung von Experten, nicht zulassen wollen. Aber die eigene Werkstatt hatte Guido durchsetzen können, lernte von erfahrenen Meistern, von Guido Daurù in St. Ulrich, von Augusto Murer in Falcade. Mit ihm arbeitete er Anfang der sechziger Jahre an der Ausführung der Skulptur "Partigiana", die heute an der Riva degli Schiavoni in Venedig steht.

Auch Guido Sotriffers Arbeiten sind allmählich ins Weite gegangen, wie etwa der von Papst Johannes Paul II. persönlich geweihte große Skulpturen-Kreuzweg aus den Jahren 1990 bis 1993 in der neuen Kirche S. Igino Papa in Rom und jener andere Kreuzwegzyklus in der Kirche von San Vincenzo Pallotti, ebenfalls in Rom. Aber sie finden sich auch in seinem nahen Lebensraum: dem Heimatmuseum in St. Ulrich etwa widmete er die Skulptur "Vier Lebensalter". Und seine Heimatgemeinde ehrte ihn 1992 für seine künstlerischen Verdienste.

Für den Südtiroler Künstlerbund war er seit 1970 ein verlässliches Mitglied bei Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland. Einzelausstellungen bestritt er zuletzt 1987 in Bozen und 1988 in St. Martin in Thurn im ladinischen Nachbartal. Er war keiner, dem häufige Ausstellungspräsenz sehr wichtig gewesen wäre. Viel wichtiger war es ihm, Eindrücke von anderswo aufzunehmen, sich umzusehen, große Meister zu studieren und an sich selbst zu beobachten, wie die Fülle des Gesehenen und Erfahrenen auf das Eigene einwirkte.

Viele seiner Skulpturen in Holz, Wachs und Gips sind in Bronze gegossen worden und befinden sich in Privatsammlungen. Aber auch Dutzende von Kleinskulpturen, die im Atelier verblieben sind, zeichnen Guido Sotriffers künstlerische Entwicklung nach. Die Figur aus dem anfänglichen Realismus über die Bewegung zur Abstraktion überzuführen, das war das Hauptinteresse des Bildhauers, das sich in Phasen vollzog, verstärkt durch Einflüsse von und Kontakte zu großen Zeitgenossen von Brancusi bis Giacometti. Ende der achtziger Jahre war die Evolution seines figuralen Interesses bei relativ monumentalen Liegenden und Sitzenden angelangt, dann folgte die Entwicklung über knotig-tropfige Figuren weiter ins Kubistisch-Abstrakte.

Eine stetige Arbeitsbewegung war dieser Werdegang, kein Festhalten in einem bestimmten Zustand von Fertigkeit, sondern ein suchendes Fortschreiten, ein Prozess, der gar nicht zu einem Ende kommen wollte.

Wenn man sich in Guido Sotriffers Atelier bewegt und bei seinen Werken und Dingen verweilt, sind zwei Empfindungen ganz stark: die imponierende Ausstrahlung jener unablässigen Gestaltungsenergie und der bestürzende Eindruck eines unvermittelten und unbesänftigten Abbruchs.